Büttenrede 2014 in Nenderoth von Josef Gödde

Gar manches Ding nimmt seinen Lauf
so blöd, da käme man vorher kaum drauf.
Drum hab ich als Thema heute gewählt
„Gedanken zur verkehrten Welt.“

Beginnen wir mit Kleinigkeiten
die, unbemerkt, kaum Kummer bereiten.
Die Uhren werden immer genauer
die Elektronik immer schlauer.
Das Fernsehbild, scharf, ohne Flimmer,
nur die Zeit, die es anzeigt, die stimmt nimmer.
Wenn die Kamera ihren Job getan
fängt die Reise der Daten erst an.
Zuerst in den Rechner zum komprimieren.
und als Maßnahme gegen Kopieren.
Dann geht’s in den Weltraum zum Satellit
der sie zurück zur Schüssel schickt.
Der Receiver daheim berechnet zuletzt
wo welches Pixel wird gesetzt.
Erst danach wird auf dem Bildschirm gezeigt,
was im Studio längst ist Vergangenheit.
Wer also die Uhr nach dem Fernsehen stellt,
kommt leicht zu spät in der digitalen Welt.
Bei Fußball im Fernseh'n mach's Fenster zu
denn sonst passiert es Dir Im Nu:
Der Schiri holt grad erst die Pfeife hervor
Nachbars Dampfradio brüllt schon "Elfer-Tor!"

Die Bahn war einst Meister im Messen der Zeit,
synchrone Uhren Europa-weit.
Auf pünktliche Züge konnt' man sich verlassen,
die fuhren bei Wettern, wo andere passen.
Selbst Dörfer hatten 'ne Bahnstation,
doch das ist lange Vergangenheit schon.
Heut' scheint es da um die Frage zu gehen:
Wie lasse ich auch die Großstädter stehen?
In Mainz beschied man Knall auf Fall
„Wir haben kein Stellwerk-Personal!
Hauptbahnhof-Züge müssen wir streichen!
Die Bahnkunden, sie sollen sich schleichen.“

Die Schließung in Leipzig seh' ich fast noch ein.
Neue Software testen, das muss sein.
Um Programme auszuprobieren.
und einen Tunnel zu integrieren
hat man vier Tage nötig gehabt.
Dann hat ja wirklich alles geklappt.

Das verleitet mich zu spekulieren
Wie lange werden die in Stuttgart probieren?
Da wird alles auf Tunnel umgestellt
und das auch noch für ein Schweinegeld!
Ich sehe schon das Schild vor mir:
„Der Bahnhof wird zwei Jahr geschlossen hier!
Wer will oder muss mit dem Zuge fahr'n,
der nehme die Schwäb'sche Eisenbahn.
Durch Stuttgart fahr'n deren Züge nicht.
Schienenersatzverkehr ist eingericht'.“

Wer zwei Jahre als zu viel erachtet
hat keinen neuen ICE betrachtet
wie er bei Siemens im Hangar steht
weil seine Software noch immer nicht geht.
Verkehrte Welt mit Zügen, die steh'n
doch es kann auch anders geh'n:

Kennt Ihr Deutschlands teuerste Geisterbahn?
Die fährt Deutschlands ruhigsten Flughafen an.
Ich meine den namens Willy Brandt,
als Dauer-Baustelle wohl bekannt.
Die Bahn fährt zum Tunnelbahnhof hinein
doch niemand steigt aus und niemand steigt ein.
So geht das pünktlich mehrmals am Tag,
was kaum einer recht zu verstehen vermag.
Das kostet Millionen und keiner find's toll.
Der Steuerzahler fragt was das soll.
Man sagt: „Dadurch wird der Bahnhof belüftet
dass er nicht bei der Eröffnung schon müffelt.“

Ich schlage als Sparmaßnahme vor
Setzt Ventilatoren ins Tunneltor.
Wenn die sich ab und zu kräftig drehen
wird's Schimmel schon aus dem Bahnhof wehen.

Kehr'n wir gedanklich von Berlin
zu der stürmischen Nordsee hin.
Den Wind würd' man gern in Strom verwandeln
doch dazu müsste man planvoll handeln.
Da hat man mit viel Mühe und Kraft
Windräder in die See geschafft.
Der Netzbetreiber fing's Jammern an
dass er 's Kabel nicht pünktlich verlegen kann.
Statt mit den Turbinen Strom zu generieren
muss man sie künstlich nun drehen und schmieren.
Mit Dieselstrom treibt man sie dazu an
weil man sie vom Wind nicht drehen lassen kann.
So wirken ihre großen Rotoren
als Nordsee Wind-Ventilatoren.
Ein klassischer Fall von verkehrter Welt
der Stromkunde zahlt dafür das Geld.

Rosenmontag haut die Meldung echt rein
Papst Benedikt reicht die Kündigung ein.
Was mancher erst für 'nen Faschingsscherz hält
geht als Sensation um die Welt.
Der neue, das merkt man nach Tagen schon,
folgt St. Franz, seinem Namenspatron.
Hat mit Schwulen und Knackis Erbarmen,
ist sich nicht zu fein zum Besuch bei den Armen.
Er weiß: Wer sich zu den Ärmsten begibt
tunlichst nicht erster Klasse fliegt.

Bischof Franz-Peter hat das nicht kapiert;
flog erster Klasse zu Slums ungeniert.
Doch dann, von Journalisten gefragt
hat er es nicht zu gestehen gewagt.
So log er dreist an Eides statt
was den Staatsanwalt auf den Plan gebracht hat.
Die Klage im Raum, kam dann noch heraus
wie viel es kostet, des Bischofs Haus.
Es ist kein Haus, schon mehr ein Palast,
von Mauern umgeben so wie ein Knast.
Da war die Wut im Bistum groß.
„Wie werden wir diesen Fürstbischof los?“
Nach Eingaben, tausendfach unterschrieben
ist dem Bischof nur Flucht geblieben.
Er flog nach Rom mit Ryan Air
In Limburg sah man ihn seither kaum mehr.
Selbst abwesend einen Rekord er bricht
Soviel Austritte gab's im Bistum noch nicht!
Weil's Gegenteil zu Bischofs Aufgaben zählt:
noch ein klarer Fall von verkehrter Welt.

Um seinen Ruf zu restaurieren
könn't er einen Neuanfang probieren.
Holt sich vielleicht bei Frau Käßmann Rat,
die Charakter gezeigt und den Ruf bewahrt.
Die gab für Vergehen, die weniger schwer
freiwillig ihr Amt und den Titel her.
Franz Peter könn't sich auf die Straße begeben
als Oberhirt' teilnehmen am Obdachlosen-Leben
bei Bettlern wohnen, wenn's sein muss verdreckt,
dann bekäm' auch Franz-Peter bald wieder Respekt.
Auch seinen Patron – Sankt Franz – würd' das freun,
der legt' dann im Himmel ein Wort für ihn ein.

Was hab'n nach der Wende die Leut' sich gefreut
dass sie von der StaSi waren befreit.
Immer erst drei mal genau überlegen
was kann man denn mit wem ernst bereden?
Wie weit kann man bei Witzen gehen
ohne den Knast von innen zu sehen,
nur weil der, der sich Freund genannt
damit gleich zur StaSi gerannt?
Nun gut, die StaSi war verschwunden
Das Problem schien überwunden.
Doch dann kam unvorhergeseh'n
das Internet, das so bequem
und das Handy für Jedermann
mit dem man überall anrufen kann.
Erreichbar wurd' man, egal wann und wo,
wenn's sein muss sogar auf dem Klo.
Kam früher am Stammtisch 'ne Frage auf
und keiner wusst' recht die Antwort darauf,
hat jeder sich eigne Gedanken gemacht
beim Reden, wenn's ging, auf den Punkt gebracht.
Heute wird kurz das Smartphone gezückt,
auf virtuelle Tasten geklickt
und Bing oder Google oder Yahoo
zeigen 'ne Antwort dann im Nu.
Und ist an sich auch sonnenklar,
dass die Antwort Schwachsinn war,
so nimmt man's gern als Sachstand hin
es stand ja so im Internet drin.
Manch Facebook-User hat nicht mal gespürt,
dass er im Internet Tagebuch führt,
wenn er da stellt jeden Furz hinein,
und wie sich Geheimdienste darüber freu'n.

Wie weit es die NSA getrieben
ist lange Zeit verborgen geblieben
bis Edward Snowden, ein echter Held,
rief es hinaus in die weite Welt.
Erst runtergespielt von Herrn Profalla
(warum reimt der sich auf „Balla Balla“?)
kam dann aber langsam noch heraus:
Man horchte auch Merkels Handy aus!
Da ward selbst dem dümmsten Polit-Deppen klar:
Die Privatsphäre ist in höchster Gefahr!
Egal, ob auf Reisen oder zu Haus
das Handy plaudert den Standort aus.
Mit diesen Daten in den Händen
kann man sie leicht dazu verwenden
für's ganze Volk stets festzuhalten
wer sich wann wo aufgehalten.
Ich weiß nicht, ob das heut' schon geschieht,
doch wenn man die letzten Jahre so sieht,
dann stellt man zuweilen erschüttert fest,
dass man, was möglich ist, ungern lässt...
Was tatsächlich passiert hinter den Kulissen
werden wir erst viel später wissen.
Auch Schnüffler belauscht man ja immer zu.
Ich sag nur das Stichwort „Fuck the EU!“
Wie pflegte in meinen Kindertagen
Mutter erzieherisch zu sagen:
„Der Lauscher an der Wand
hört seine eigene Schuld und Schand!“


Und die StaSi, warum gibt’s die nicht mehr,
dass zu verstehen ist nicht sehr schwer:
Ich schätz, dass manch Stasi-Offizier
sich schämt der Arbeit mit IM und Papier,
hat sich in Grund und Boden geschämt
sehend, was man jetzt Normalfall nennt.
Wenn einen auch Staats-Schnüffelei erbost,
Ein Blick ins Geschichtsbuch bietet doch Trost.
Die DDR hat ganz ungeniert
die eigenen Leute ausspioniert.
Was haben die Schnüffeleien gebracht?
Selbst wenige Tage vor'm Ende der Macht
war Honi's Klicke noch immer nicht klar,
wie sehr sie am Arsch und am Ende war.
So hat man sich selbst den Blick verstellt:
Noch so ein Fall von verkehrter Welt.

Und ich ruf auch in Richtung USA:
"Schaut gut hin, was damals geschah!
Was Euch mit der DDR vereint:
Euer Schuldenberg beim Klassenfeind
und 'ne gierige Oberschicht
die kümmert das Schicksal der anderen nicht."

Weil Staatsschulden so rasend sprießen
mussten die Ämter schon zeitweilig schließen.
Vor Suppenküchen lange Schlangen
und Kranke, die vor der Arztrechnung bangen.
Doch für den Schnüffeldienst NSA
sind immer massig Geldmittel da
und auch für die Waffen-Lobbyisten,
begründet mit Angst vor Terroristen.
"Sagt mal, habt Ihr nicht kapiert:
So wird die Freiheit torpediert,
die Freiheit, die Euch einst stark gemacht
und weltweit Ansehen eingebracht.
Macht weiter, dann war es damit gewesen
und Ihr werdet zum Spielball der Chinesen!"


Kommen wir von der verkehrten Welt
zu dem, was im Dorf wurde angestellt.

Das Ortsschild wurde nach Westen verschoben
an der Köppchen-Ausfahrt weiter nach oben.
Die geschlossene Ortschaft wuchs etwas an
so dass man Wachstum verbuchen kann.
Das fand die Verwaltung wohl ganz toll.
Ich weiß aber nicht, wem das nutzen soll.
Vielleicht ist's als billiger Trost gedacht
weil man anderswo Kasse macht.
Wie bei den Versiegelungs-Geühren,
die bei den Meisten zu Mehrkosten führen,
oder beim neuen Müll-System,
meist teurer und dazu kaum zu versteh'n.

Dann fand noch 'ne Wirtschaftskrise statt.
Nicht dass ´ne Kneipe geschlossen hat,
das wäre schon sehr viele Jahre her,
eine Dorfkneipe gibt es ja lang schon nicht mehr.
Nein, den Brötchengeber hat es getroffen.
Der Hofladen ist seit März nicht mehr offen.
Was einst so hoffnungsvoll begonnen
ist unvermittelt zu Ende gekommen.
Den Stammkunden tat es ehrlich leid.
Die fliegenden Händler hat es gefreut.

Schaut man im Dunklen nach Arborn hinaus,
sieht es beinahe schon so aus
als hät' da ein Groß-Bordell aufgemacht
so leuchtet und blinkt es da rot in die Nacht.
Das sind Windrad-Positions-Laternen,
viel heller als das Licht von den Sternen.
Mancher mag die Windkraft nicht leiden
doch ohne Strom will er auch nicht bleiben.
Dem rate ich, stellt Euch einfach vor,
ein Kohlekraftwerk ständ' vor dem Tor
oder, deutlich schlimmer noch
ein riesiges Braunkohle-Abbau-Loch,
in dem der Hansenberg locker verschwände
und Schaufelbagger im Gelände,
die sich langsam auf's Dorf zu bewegen
und Häuser wie Spielzeug vom Boden ab heben.
Wenn ich da über die Tongrube grübel'
ist sie ein deutlich kleineres Übel.
Zwar schlägt es mir durchaus auf den Magen
wie der Hansenberg abgetragen,
wahrscheinlich aber nur weil ich zu alt
um dort wieder wachsen zu sehen den Wald.
Auch Windräder steh'n nur begrenzte Zeit
Nach gut 20 Jahren ist es so weit
Dann hat der Wind die Flügel so verschlissen
dass der TÜV sagt „Die gehören abgerissen!“
Ob sie dann renoviert oder abgebaut
weiß nur, wer weit in die Zukunft schaut...

Auch Gutes gibt es vom Dorf zu berichten
über Freuden-Feiern, Denken und Dichten.

Es fanden sich fleißige Helfer ein.
Die machten die alten Dorfbrunnen erst rein.
Dann entfernte man, was alle paar Jahr
nur flüchtig übermalt worden war.
Strich alles neu an sogar mit Grundierung;
Kurz: es war eine echte Renovierung.
Einem Betrachter hat's so imponiert
der hat dann gleich dutzendweis Fische spendiert.
Ein Brunnen sprüht deshalb so voller Leben
wie's das in hundert Jahren nicht gegeben.

Nach gefühlt auch fast hundert Jahren
die wir ohne Zeltkirmes waren
haben's die Kirmesfreunde vollbracht
und eine riesige Kirmes gemacht.
Am DGH reichte der Platz nicht aus
Drum machten sie's vor dem Schützenhaus.
Drei Tage gab's da ein großes Fest,
das wirklich nichts zu wünschen lässt.
Da wurde gezecht, gefeiert, gebetet, gesungen
mit anderen Worten: rundum gelungen!
Dank sei den fleißigen Organisatoren!
Die hatten bestimmt viel Stress um die Ohren.
Auch wenn so was aussieht, als lief's wie geschmiert
gibt’s Stress und Probleme – das ist garantiert!

Ende September war sodann
die 30-Jahr-Feier des Chores dran.
Das war ein Mini-Musikfestival.
Die Kirche glich einem Sänger-Saal.
Nachdem die Gesänge waren verklungen
gab's noch was für Kehlen und Zungen.

Im Dorfe entstand eine Bibliothek
Mitten im Zentrum, an jedermann's Weg!
Und das Gute ist dabei:
Die Ausleihe ist kostenfrei!
Selbst wer Bücher für immer entnimmt,
stellt andere rein, das glaub ich bestimmt.
Wie anders wäre es sonst zu erklären
dass die Bücher nicht weniger werden?
Offen am Tag und in der Nacht
niemals wird da zu gemacht.
Solch Öffnungszeit ist sicherlich
der Ausleihe recht förderlich.
Ich stellte auch schon Bücher hinein
es muss ja ein Geben und Nehmen sein.
Eins war ein Biobuch, 1000 Seiten dick
ich gab es weg, das gute Stück,
nachdem ich die Neuauflage kaufte,
die ältere folglich nicht mehr brauchte.
Aus der Bibliothek war's Tags drauf weg.
Zuerst hatte ich einen leichten Schreck.
Patroullieren da Antiquare
auf der Suche nach günstiger Ware?
Beim Tratsch am Brunnen kam dann raus
die Sache ging sehr viel besser aus:
Eine Schülerin das Buch grad fand
als ein Referat anstand.
So wurde dem Lehrer imponiert
statt aus dem Internet kopiert.

Die Bänke von der Bushaltestelle
laden zum Schmökern auf die Schnelle.
Und wer mal kommt zu spät zum Bus,
nicht wartend Däumchen drehen muss.
Mit guter Lektüre vor Ort zur Hand
ist die Zeit zum nächsten ja schnell verrannt.
Bei spannenden Krimis heißt's aufgepasst
nicht dass man den nächsten Bus auch verpasst.
Nur nach dem letzten Bus, der im Fahrplan steht
man besser nochmal nach Hause geht.
Selbst dann kann die Bibliothek nützlich sein
mit Bettlektüre schläft man viel besser ein.

So kommt's dass Nenderöther schon als Kind
weit schlauer als viele Großstädter sind.
Ihr fragt Euch, woher ich das weiß?
Hier kommt ein statistischer Beweis:
Nehmt eine Deutschlandkarte her
auf der aber nicht ein Buchstabe wär.
Karten der Art sind bei Lehrern beliebt
weil man sie Schülern in Prüfungen gibt.
Stellt Euch in Nenderoth auf die Gass.
und macht Euch einfach mal den Spaß
und fragt „Wo liegt denn da Berlin?“
Jeder zeigt mit dem Finger hin
rechts auf der Karte auf den großen Fleck
und fragt „Was hat die Frage für'n Zweck“?
Weil alle sich da einig sind:
Berlin kennt hier fast jedes Kind!
Nun kann so ein Test – Ihr seht es ein -
ohne Gegenprobe nicht vollständig sein.
Stellt Euch also vor, Ihr seid in Berlin
und haltet Passanten die Karte hin.
Ich wett': auf die Frage, wo Nenderoth liegt,
dass ihr nur patzige Antworten kriegt.
Der Berliner Schnauze fällt immer was ein.
Es muss ja nicht wirklich sachdienlich sein.
Das will ich nicht weiter kommentieren,
denn es würde zurück zum Anfang führen.
Und reden im Kreis, dies Privileg
nehme ich keinem Politiker weg...
Ich hör' lieber auf, wenn es ist an der Zeit
und danke für Eure Aufmerksamkeit!